RADSPORTVEREIN
Neuhaus-Schierschnitz

Fränkische Schweiz 2012


Schon im Herbst 2011 wurde ein erstes Treffen organisiert, um festzulegen, wohin die große Tour 2012 geht. Einige Vorschläge machten die Runde und am Ende waren wir uns einig:  Fränkische Schweiz wir kommen! Der Routen-Verlauf sollte sich hauptsächlich am ausgeschilderten Brauerei-& Bierkellerweg orientieren. Einige Gründe erleichterten uns die Auswahl:

1.    Lernen aus der Rhön-Tour, d.h. überschaubares Tages-Pensum was  Höhenmeter und  Streckenlänge betrifft.

2.   Günstige Erreichbarkeit (Bahnhof Stockheim, Regionalzug)

3.   Auch die Kultur darf bei uns nicht zu kurz kommen, insbesondere die Bierkultur.

In weiteren Zusammenkünften, immer gut für die Pflege des Gemeinschaftssinnes, ergab die Feinabsprache: Los geht´s am 17.05.2012 um 615 Uhr an der Tankstelle Hein.

2 Übernachtungen für jeweils 10 Personen wurden gebucht, die Bahnkarten (Bayernticket) gekauft.

1. Tipp vom Klugscheißer: „Immer schön mit der Regionalbahn fahren (NICHT Regionalexpress)! Das spart 5 Euro Fahrradgebühr.“

Aber zwischen Theorie und Praxis liegen Welten, denn Ende März wurde unsere Gruppe erstmals dezimiert. Matze ließ sich die Knochen in der Halsgegend richten. Wenn man eine Behausung für die Familie bauen will, ist es nun mal extrem wichtig, in einem körperlich geschmeidigen Zustand zu sein.

Nach wochenlanger Vorfreude war es endlich soweit. Am Auto-Hein trafen sich folgende Radler: Él Presidente Thomas, Claus, unser Mann in Berlin, Franco, de Hous, Peter, unser Spurenleser mit GPS-Unterstützung, „K“ aus Unterlind, Knolle, unser Multitalent (Mitglied in geschätzten 10 Sportvereinen), 29er Zick-Zack-Thomas und Zilli, der Mann fürs Protokoll.

2. Tipp vom Klugscheißer: „Rucksack so leicht, wie möglich packen. Ein Wechseln der Kleidung ist nicht vorgesehen! Allen Ausdünstungen zum Trotz.“

Die Eisheiligen waren auch noch unterwegs, wir hatten -1 °C in der Früh. Zilli  wollte auf knallhart machen, hatte als Einziger kurze Radler Hosen an. Franco´s Kommentar dazu: „Deschwitzt is noch känne, oube defrorn!“ Auf ging`s nach Stockheim. Zu kurz, um richtig warm zu werden. Die Deutsche Bahn hatte selbstverständlich etwas Verspätung. Die Wartezeit wurde uns durch einen kauzigen alten Grenzgänger aus Pfeifendorf verkürzt, der ein paar Anekdoten von Schnapsschmuggelei aus den 1950-Jahren zum Besten gab. Er kaufte den Stoff in Sonneberg für 7 Ostmark und verhökerte ihn in Stockheim für 5 Westmark. Einige von uns hatten zu diesem frühen Zeitpunkt noch eine empfindliche Nase und stellten sich etwas abseits. Ursprüngliche Besorgnis, die Bikes könnten wegen Raummangels nicht alle mitkommen, war unbegründet. Die Fahrt bis Breitengüßbach verlief ganz entspannt. Partiell wurde schon ein erstes Frühstück eingenommen. In Lichtenfels stieß dann noch unser Residenzler Markus hinzu und so waren wir „vorerst“ komplett. Nach knapp 50 Minuten Reisezeit und kurzer Orientierungslosigkeit ging es auch schon los.

Über Memmelsdorf und Litzendorf bis Lohndorf, wo sich vor der ersten größeren Steigung auch die Letzten vom langen Beinkleid befreiten, erreichten wir die Brauerei Grasser in Huppendorf. Der Wirt begrüßte uns mit den Worten: „Wenn me dou nier akaldn häddn, dös wa a Schand gwasn und a Halba!“ Wir bestellten sogleich himmelfahrtsgemäß bernsteinfarbenen Gerstensaft, dazu Bratwurst mit Kraut. Nach dem zweiten Bier, mit dem schönen Namen „Pfingstochs“, ließ Franco seinen Standardsatz hören: „Es is a widde schöö!“ Weiter ging´s in Richtung Heckenhof, wo wir einen kurzen Abstecher bei der Kathi-Bräu einlegten. Nach nur einem Haus-Bier rauschte der Radexpress auch schon hinab nach Aufseß, dem Ort, mit der weltweit höchsten Brauereidichte pro Einwohner. Dass passte gut, denn es war gerade Mittagszeit. Zur Stärkung kehrten wir im Brauereigasthof Rothenbach ein. Hier bestellte der Kenner natürlich ein herzhaftes Schäuferla, welches wunderbar mit dem kredenztem Zwickel harmonisierte.

Nach dieser, etwas ausgedehnteren Pause, wurden wieder Kilometer geschrubbt. Leider kann es im Leben nicht immer so geschmiert laufen. Das mussten wir mit aller Deutlichkeit erkennen, als plötzlich, wie aus heiterem Himmel, Él Pesidentes linkes Knie seinen Dienst an der Kurbel versagte. Da halfen alle gutgemeinten Versuche, ihn wieder aufzurichten, speziell mit Thüringer Kräuterschnaps, nichts mehr. Wie ein Mann kämpfte er unter Schmerzen weiter, doch in Ebermannstadt war endgültig Schicht im Schacht. Im Biergarten “An der Wisent“, bei einem letzten gemeinsamen Schluck, trennten sich unsere Wege. Ohne „Él“ ging die Fahrt weiter und die Stimmung war dementsprechend. Jeder wollte nur noch so schnell, wie möglich, das Tagesziel erreichen. Aber einige knackige Anstiege standen noch im Weg und die intensive Beschäftigung mit diesen, lenkte die Gedanken doch ein wenig ab.

3. Tipp vom Klugscheißer: „Ruhig mal einen Berg in einem theoretisch zu hohen Gang  angehen. Das gibt Power und geile Waden (siehe Claus). Die kann man dann rasieren und einölen, aber das ist eigentlich schon ein neuer Tipp.“

Endlich rollten wir in Oberehrenbach ein und lenkten unsere Drahtesel in den Hof des Gasthauses Salb. Kurze Charakterisierung der Örtlichkeit: Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht! Und Handyempfang ist auch nur an Orten möglich, die bei den Eingeborenen, gegen ein kleines Entgelt, erfragt werden können. Zum  Ausklang des Tages trafen wir uns in der gemütlichen Gaststube. Es gab z.B. „Schnitzel mit Brot daneben“. Auch probierten wir diverse Selbstgebrannte. Einige Runden Bierkopf wurden ausgekartet, mit einem eindeutigen Sieger. Später erreichte uns die Nachricht, dass Thomas gut Zuhause angekommen war und eine gewisse Erleichterung war allen anzumerken. Gegen 2300Uhr wurde der Tag mit dem traditionellen Trampelmouß beendet.

Am nächsten Morgen war 700Uhr Wecken, 730Uhr Frühstück und um 830Uhr ging es bei kühlem, windigen Wetter in Richtung Forchheim weiter. Wir hatten, wie schon am Vortag Glück mit dem Wind und Ruck Zuck war Forchhoam, von den Einheimischen so genannt, erreicht. Bevor die Sehenswürdigkeiten in Augenschein genommen werden konnten, musste Sandro dringend in eine Apotheke. Dieses „dringend“ sollte sich im Laufe des Tages noch verstärken. Nach der Kaiserpfalz fuhren wir 2-Mal die Bierkellerrunde, streng nach GPS versteht sich. Dabei kippte unser Hous samt Radl an einer „sehr steilen Rampe“ um. Das Ketten-Tattoo, das er sich dabei aufdrückte, soll noch am nächsten Tag gesehen worden sein. Das war aber lange noch nicht alles. Ein paar Kilometer später fiel Sandro wieder auf. Er fing sich einen Rosendorn im Hinterreifen ein, nach dem Motto: „Sah ein Knab ein Röslein steh´n.“

4. Tipp vom Klugscheißer: „Beim Schlauchkauf darauf achten, dass das Ventil durch die Felge passt!“

Nach einem längeren Reparaturstopp erreichten wir zur Mittagszeit den Geburtsort von Levis, die Marktgemeinde Buttenheim. Die Einkehr führte uns ins Löwenbräu. Dass unsere Truppe sehr gut zusammenpasst, stellt sich bei der Essensbestellung heraus: „Acht mal Schinkennudeln bitte!“   Nach dieser Stärkung radelten wir Richtung Norden, dann Richtung Süden und anschließend wieder Richtung Norden, oder so ungefähr. Es waren auf jeden Fall wieder etliche Kilometer am Stück, was, bei weiterer Besserung des Wetters, ein Ansteigen der Körpertemperatur bewirkte. Das plötzliche Auftauchen des „Brauhauses am Kreuzberg“ muss  für alle wie eine Offenbarung gewesen sein. Sogleich wurde das außergewöhnliche Angebot an Bieren studiert. Eindruck hinterließ der Pilgertrunk, gesegnet vom Würzburger Bischof. Bei Zilli bewirkte dieses Bier eine Art Wunderheilung: Die stechenden Kopfschmerzen vom Vorabend waren auf einen Schlag wie weggeblasen. Auch Knolle machte noch einmal auf sich aufmerksam. Wir saßen schon einige Zeit am Biertisch, als er, sichtlich erleichtert aber etwas breitbeinig mit den Worten auf uns zukam: „Männe, mei Rosettn is an ihra Grenzn.“

5. Tipp vom Klugscheißer: „Bei Durchfall hilft Heidelbeertee: Der blaue Farbstoff hemmt das Bakterienwachstum im Darm und die Farbstoffe wirken stopfend. Apropos Gerbstoffe, die sind ja auch im Bier.“

Weiterhin muss man erwähnen, dass vom Kreuzberg Deutschlands bester Schnapsbrenner stammt und wir waren uns alle sicher, noch einmal wiederzukommen. Weiter ging`s über Hirschaid nach Pettstadt, wo uns die Regnitz den Weg versperrte. Durch lautes Rufen der Parole „Fährmann hol über“, war auch dieses Hindernis schnell genommen. Wir strampelten über typische fränkische Dörfer, betrachteten ein altes Mühlenwehr und eine große Mainschleuse. Gerade wurde ein Schüttgutfrachter gehoben und der technikbegeisterte Sportler vergaß für einen kurzen Moment die Welt um sich. Als das Schiff am Horizont verschwand sattelten wir wieder auf. Eine alte Frau am Wegesrand rief uns zu: „Sakrament, laude schöna Mennä.“ In Burggebrach machten wir Halt im Café Grubert. Dort gab es lecker Torte und Eis. Über welliges Profil und eine steile Abfahrt stießen wir am späten Nachmittag ganz „unverhofft“ auf den Main.

6. Tipp vom Klugscheißer: „Beim Bergabfahren, besonders in der Gruppe, auf Lichtwechsel achten, Abstand halten und die Bremshebel immer in Griffbereitschaft.“

Wir schalteten nochmal einen Gang höher, denn die Weltkulturerbestadt Bamberg grüßte schon aus der Ferne. Eine tolle Belohnung am Ende dieses Tages: Der Anblick von Klein Venedig, Domberg, dem alten Brückenrathaus mitten in der Regnitz, der bildschönen Innenstadt voller Fachwerkhäuser und das bunte Gewimmel der Menschen. Wir konnten gar nicht anders, als das alles an einem sonnigen Biergartentisch auf uns wirken zu lassen. Den idealen Platz, um genüsslich das Bamberger Stadtleben beobachten zu können fanden wir vor dem Hofbräu unterstützt von einem frisch gezapften Zirndorfer Urhell. Man hatte den Eindruck, dass an dieser Stelle irgendwie jeder vorbeikommt. Unter anderem auch eine kleine, steif wirkende Gesellschaft mit Schlips, Hut und ernster Mine. Zick-Zack meinte nur: „Wie siehtn da aus? Die müssn Bschneidung gfeiert hou.“ So schön das alles war, unser endgültiges Ziel, der Buger Hof, im Süden der Stadt, musste auch noch erreicht werden. Gegen 1900Uhr bezogen wir unsere 3-Bett-Zimmer und nach dem Duschen wurde der Tag mit Roulade, Pizza, Grillplatte und Bierhax´n zünftig beendet.

Samstag, der 19.05., letzter Tag unserer Tour. Beim Bezahlen der Übernachtungskosten überredeten wir die Wirtin, uns ihren schönsten Bierkrug zu geben. Besonders Franco konnte mit seinem Charme überzeugen. Endlich, die Eisheiligen hatten sich verabschiedet. Schon am Morgen spürte man die milde Luft und alle waren bester Laune. Auf ging`s Richtung Thüringen durch den Bamberger Luisenhain nach Hallstadt. Hier trafen wir wieder auf den Main, der nun ständiger Begleiter bis Redwitz sein sollte. Über Breitengüßbach, Rattelsdorf und Ebing kam Zapfendorf in Sicht. Dort legten wir im Schwimmbadkaffee eine  Rast ein. Während wir Latte Macchiato schlürften und den ersten wagemutigen Rentnern beim Schwimmen zusahen, viel endlich der letzte Vorhang für K`s Pedale. Besonders Knolles Nerven hatten die vergangenen Tage gelitten. Er kümmerte sich deshalb persönlich darum, dass auch Neue gekauft wurden. Die Teile kosteten schlappe 50 Euros. Da musste K noch dankbar sein, dass er sie selbst montieren durfte. Wie im Rest von Deutschland sieht es auch in Zapfendorf in Punkto Service „ zapfenduster“ aus. Weiter ging`s. Die nächsten Kilometer hatten eine nette Abwechslung parat. Ein Rad fahrendes  Pärchen, das wir locker überholten, wollte sich mit dieser Schmach einfach nicht abfinden. Durch einen Überraschungsangriff wurde unser Feld wieder einkassiert. An der weit über den Lenker gebeugten Haltung konnte man unschwer erkennen, dass die ehrgeizige Amazone die antreibende Kraft des ganzen Spektakels war. Der arme Mann. Auch er konnte ihr kaum folgen. Wohl wissend, dass wir mit der Aktivierung einer einzigen zusätzlichen Wadenmuskelfaser an ihnen vorbeigeflogen wären, ließen wir ihnen diesen Erfolg und begnügten uns damit, dem Treiben belustigt zuzusehen. Wenig später mussten wir uns auch schon von unserem Residenzler verabschieden, der am Lichtenfelser Dreieck nach Coburg abbog. Als wir kurze Zeit später im Brauereigasthof Wichert zu Mittagessen saßen, traf auch schon die SMS ein, dass er gut Zuhause angekommen war. Nach geschätzten Berechnungen muss er einen 30er-Schnitt gefahren sein. Oder er ist mit dem Bus gefahren. Auch im Wichert wor´s widde schöö. Mit selbstgebrauten Bier, Putenoberkeule, Steak mit Pfeffersauce und Sauerbraten füllten wir die Akkus für die letzte Etappe. Wie schnell sich ein Akku manchmal entleeren kann, bekam unser Zick-Zack zu spüren. Ihm wurde eine Fliege zum Verhängnis, die so stark im hinteren Rachenbereich eingeschlagen war, dass er die 10€ fürs Essen am Wegesrand deponieren musste.

7. und letzter Tipp vom Klugscheißer: „Nicht nur Sonnenbrillen schützen vor lästigen Insekten, sondern auch einfach mal die Fresse zu halten.“

Nach dieser letzten kleinen Störung, des ansonsten reibungslos ablaufenden Tour-Tages, war die Heimat schnell erreicht. Als unser erstes Ziel galt es natürlich, unserem Èl Presidente einen Krankenbesuch abzustatten. Es sah schon ein wenig traurig aus, ihn so als halben Schlumpf in seinem Strandkorb sitzen zu sehen. Aber so ist es nun einmal im Leben. Nach Übergabe unseres kleinen Mitbringsels und dem verköstigen des einen oder anderen Bierchens, sah die Welt schon wieder freundlicher aus.

„Das Leben ist wie ein Fahrrad. Man muss sich vorwärts bewegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.“

Albert Einstein

- Michael Zilensek -